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NZZ AG

Tanz und Teilchenphysik

Investoren wetten auf Lockerungen

Vom Aufenthalt am Cern inspiriert – und gleich- zeitig davon unabhängig.

Gilles Jobins Blog am Cern: http://arts.web.cern.ch/collide/dance- performance-residency/blog.

BÖRSEN UND MÄRKTE

Investoren in den USA bringen sich

zurzeit in Position, um von einer wei- teren quantitativen geldpolitischen

Elias Schafroth 􏱱 Wie der Physiker kann sich auch Lockerung zu profitieren.

ein Choreograf als Forscher verstehen. Die Arbeit

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des Genfer Tanzschaffenden Gilles Jobin, der 2001 mit «The Moebius Strip» international bekannt wurde, beginnt im leeren Tanzstudio. Darin er- forscht er die Dimensionen von Raum und Zeit und sucht nach neuen Möglichkeiten, Bewegungen zu erzeugen und sie zu Systemen zu organisieren. Am Cern bietet sich Jobin nun die Möglichkeit, choreografische Grundlagenforschung zu betrei- ben. Als erster Gewinner des Preises «Col- lide􏳎Cern-Geneva» für Tanz und Performance ist er für insgesamt drei Monate als Artist in Resi- dence ans weltweit grösste Forschungszentrum der Teilchenphysik eingeladen.

Choreografische Forschungen am Cern

Der Titel des Preises ist Programm. Ziel der Residenz sei die produktive, Energien freisetzende «Kollision» von Kunst und Wissenschaft, betont Ariane Koek, Initiantin und Direktorin des Pro- jekts. Collide􏳎Cern beabsichtigt nicht, aus dem Künstler einen Naturwissenschafter zu machen. Die beiden sollen sich auf Augenhöhe begegnen, um, vom anderen inspiriert, eine neue Sichtweise auf die eigene Domäne zu gewinnen. Von diesem spannenden Prozess berichtet Gilles Jobin fortlau- fend in einem Blog und punktuell in zwei Vorlesun- gen. Am Cern ein neues Stück zu produzieren, ge- hört aber nicht zu seinen Pflichten. Gerade das mache seinen Aufenthalt hier besonders wertvoll, meint Jobin. So könne er losgelöst von Produk- tionszwängen mit Bewegungen experimentieren. Eine seiner kulturpolitischen Forderungen laute deshalb: «Mehr Forschungsplätze für Künstler!»

Bisher hat Gilles Jobin unter anderem gemerkt, dass eine für die Ästhetik des Tanzes so grund- legende Kraft wie die Gravitation eigentlich die schwächste der physikalischen Grundkräfte ist. Darum könne er sich den menschlichen Körper von nun an auch nicht mehr als «aufeinandergesta- pelte Materie» denken, die von der Schwerkraft niedergedrückt werde. So verändere sich sein Kör- perbild und mit ihm vielleicht auch seine choreo- grafische Praxis.

Die produktive Interaktion von Kunst und Wis- senschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Choreo- graf und Physiker sprechen nicht dieselbe Sprache. Zwar gehören zu Jobins Fachvokabular Wörter wie «Bewegungsgenerator», die unmittelbar an den riesigen Teilchenbeschleuniger LHC zu erinnern scheinen. Er aber meint damit Bedingungen oder Instruktionen, die es den Tänzern seiner Truppe ermöglichen, selbständig spezifische Bewegungs- abläufe zu entwickeln. Zwischen den Forschungen der Kunst und denjenigen der Naturwissenschaft bedarf es einer differenzierten Übersetzung. Dabei hilft Jobin sein persönlicher Ansprechpartner am Cern, der Physiker Joao Pequenao. Er begleitet den Choreografen durch die Laboratorien und er- klärt ihm naturwissenschaftliche Begriffe. Umge- kehrt begibt sich Jobin mit den Physikern ins Stu- dio des Tanzklubs vor Ort, wo er ihnen seine Kon- zepte in der Sprache der Bewegung erläutert.

Was sich aus den Kollisionen von Tanz und Teil- chenphysik in Zukunft ergibt, ist offen. Bei seiner Abschlussvorlesung im September wird Gilles Jobin mehr davon erzählen. Später, in einem Jahr etwa, soll ausserdem ein neues Stück entstehen.

tagcern